Vor 600 Jahren siegte ein polnisch-litauisches Heer gegen den Deutschen Orden. Die Schlacht bei Grundwald begründete einen Nationalmythos Polens.
Vor dem Denkmalklotz im masurischen Grunwald stand vor drei Wochen Jozef Michalik, der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, und betete für die Gefallenen. Die um ihn herum versammelten Bischöfe des Landes sprachen dann ihre Homilie "Grunwald. Der gerechte Sieg". Dann stimmten die Kirchenmänner die "Bogurodzica" an, das älteste polnische Marienlied. Es habe, so die Bischöfe, entscheidend zum Sieg Polens beigetragen. Der Beobachter könnte meinen, hier werde einem nur kurz zurückliegenden Ereignis gehuldigt. Weit gefehlt.
Östlich des Dörfchens Grunwald hörte Ulrich von Jungingen, der Hochmeister des Deutschen Ordens, vor 600 Jahren das Bogurodzica-Lied. Damals stimmten es die polnischen Ritter an. Der Hochmeister war am 15. Juli 1410, einem heißen Hochsommertag, mit 11 000 Streitern angerückt, um eine Entscheidung gegen den Verbund des polnischen Königs Wladyslaw II. Jagiello und des litauischen Großfürsten Vytautas zu suchen. Die beiden hatten mehr als
39 000 Kämpen versammelt.

In seiner letzten Schlacht: Ulrich von Jungingen, der Hochmeister des Deutschen Ordens.
Vordergründig ging es in der Auseinandersetzung um den Anspruch des Ordens auf die litauische Region Samogitien (Niederlitauen), deren aufständische Bewohner von Jagiello und Polen unterstützt wurden. Hintergründig stritten sich die drei Großmächte des Ostseeraums um ihre Vormachtstellung. Zunächst sah es für das Ordensheer gut aus. Doch als Ulrich von Jungingen bei einem erfolglosen Flankenmanöver starb, konnte es eingekreist werden. Diese Niederlage bildete den Anfang vom Ende des Ordens ehemaliger Kreuzritter im Ostseeraum. Der polnische König Konrad I. von Masowien hatte die Ritter 1223 zur Bekämpfung der heidnischen Pruzzen an die nördliche Weichsel geholt. Dort jedoch etablierten sie sich schnell als selbstständige Macht.
Dem polnisch-litauischen Verbund diente die Schlacht bei Grunwald lange als Gründungsmythos eines Reiches, das mehrere Völker und Glaubensrichtungen umfasste. Auch später lebte der Mythos fort. Mit der polnischen Teilung und mit der Romantik im 19. Jahrhundert kehrte Grunwald in das Bewusstsein Polens zurück, nun als Anklang vergangener Größe.
Die Huldigung Grunwalds nahm vor allem eine zentrale Stellung im polnischen Nationalbewusstsein ein, nachdem der Historienmaler Jan Matejko 1878 sein wegen der deutschen Polenpolitik "mit Wut gemaltes", knapp zehn Meter langes Schlachtengemälde ausstellte. Das Werk wurde als Fanal des Kampfes der Slawen gegen die Germanen gefeiert.
Die deutsche Öffentlichkeit nahm den Mythos erst mit der polnischen 500-Jahr-Feier 1910 in Krakau wahr. Da das Schlachtfeld in Ostpreußen auf deutschem Boden lag, feierte Polen mit 150 000 Besuchern in der alten Königsstadt, aus der König Jagiello einst losgezogen war. Der Grunwald-Mythos verband seitdem auch Volk und Kirche. "Die Treue zu Glaube und Kirche" habe zum Sieg der gerechten Sache verholfen, erklärte der Lemberger Weihbischof Wladyslaw Bandurski.
Als zu Beginn des Ersten Weltkriegs unweit des historischen Grunwald die zahlenmäßig unterlegenen deutschen Truppen die russische Narew-Armee vernichtend schlugen, stellte die deutsche Armeeführung sofort den Bezug zur Ritterschlacht her. Benannt wurde die Schlacht jetzt nach dem Dörfchen Tannenberg. Der Erfolg galt allgemein als Sieg gegen die "slawische Flut" und begründete so den Hindenburg-Kult, der sich 1927 in dem trutzigen Tannenbergdenkmal manifestierte.
Ende des Zweiten Weltkrieges lebte der Grunwald-Mythos erneut auf, diesmal als Analogie eines Siegs der vereinten Slawen gegen die deutschen Invasoren. Nach den Schrecken der deutschen Besatzung wurde Deutschland als jahrhundertealte Bedrohung beschworen. Als Konrad Adenauer in der Kölner Basilika St. Andreas 1958 zum Ehrenritter des Deutschen Ordens ernannt wurde, lieferte der deutsche Bundeskanzler im weißen Gewand mit dem schwarzen Kreuz kurz vor der 550-Jahr-Feier eine Steilvorlage.
Die politische Führung in Warschau scheute keine Kosten. Auf dem vermutlichen Ort des Schlachtfelds baute sie eine Mahnmalanlage. Dazu gehörten Fragmente des Grunwalddenkmals von Krakau, das 1939 beim Einmarsch der Wehrmacht zerstört worden war, und ein Kinosaal. Am 15. Juli 1960 wurde dort der Mythos in symbolischer Umgebung auf Zelluloid lebendig. Der Streifen "Die Kreuzritter", Verfilmung eines Romans des Schriftstellers Henryk Sienkiewicz, gilt bis heute als erfolgreichster Film des Landes.
Nach den Ostverträgen 1970 verlor der Mythos jedoch zunehmend an Wirkung. Seit Ende der Neunzigerjahre treffen sich am Schlachtort Mittelalterfans aus ganz Europa, die den wahrscheinlichen Schlachtverlauf nachspielen. Zum Jubiläum in diesem Jahr werden 3000 Hobbyritter aufeinander losschlagen. Polnischen Unternehmen dient die Schlacht heute als Vorlage für witzige Werbung für Bier oder Zement.
Die in größeren Zusammenhängen denkende katholische Kirche betrachtet den Mythos immer noch mit heiligem Ernst. Polens Militärbischof Tadeusz Plocki schrieb in seinem jüngsten patriotischen Sendbrief: "Grunwald ist ein wichtiger Teil dessen, was Papst Johannes Paul II. polnisches Gedenken und Identität nannte."
