Nur weil sich Stalin nach dem Zweiten Weltkrieg rücksichtslos an deutschen und polnischen Gütern bediente, konnte die Sowjetunion zur Weltmacht aufsteigen.
Ganze Fabriken, in Einzelteile zerlegt, stapeln sich auf den Güterwaggons. Papiermühlen, Druckmaschinen, Möbel, Armaturen, Elektromotoren. Alles wird Richtung Norden geschleppt zum Ostseehafen Stettin. Von dort kommt die wertvolle Fracht auf Schiffe, die Richtung Sowjetunion ablegen. Frühjahr 1945. Während Deutschland in der Stunde null nach dem Zweiten Weltkrieg seinen vollständigen Zusammenbruch erlebt, sind Beutekommandos der Roten Armee im Einsatz. Was sich aus den Trümmern des zerbombten Landes bergen lässt, nehmen sie mit.
Die Demontagepolitik der Sowjets gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und noch viele Jahre danach ist noch immer ein wenig durchleuchtetes Kapitel. Auf der Grundlage bisher unzugänglicher Archivquellen versucht der Historiker Bogdan Musial die umstrittene Praxis der Sowjets in seinem Buch "Stalins Beutezug" neu zu bewerten. Es ist eine Fortsetzung seiner viel diskutierten Studie "Kampfplatz Deutschland", in welcher er die sowjetische Außenpolitik der 1920er- und 1930er-Jahre untersuchte. Er kam dabei zu dem Schluss, Stalin habe intensiv auf einen Krieg zur Ausbreitung des Kommunismus hingearbeitet und aus diesem Grund eine schier wahnwitzige Aufrüstung betrieben.

Hier knüpft Musial nun an, indem er eine enge militärtechnologische Kooperation zwischen Deutschland und der Sowjetunion zeigt. Und das, so der durchaus überraschende Befund, erst recht nach dem Aufstieg Hitlers. Es waren vornehmlich deutsche Investitionsgüter, die Stalin überhaupt erst die dringend notwendige Modernisierung des sowjetischen Militärs ermöglichte. So stattete ausgerechnet das nationalsozialistische Deutschland die Sowjetunion technologisch aus – bis zum Beginn des "Unternehmens Barbarossa" am 22. Juni 1941.
Während der Kreml-Herrscher im Kampf gegen das "Kulakentum" Millionen Menschen vor allem in der Ukraine verhungern ließ, exportierte die Sowjetunion Getreide in Unmengen in den Westen. Vornehmlich, so Musial, um das ehrgeizige Rüstungsprogramm zu finanzieren. Umso erstaunlicher ist es, dass Hitler und seine Generäle das militärische Potenzial der Sowjetunion fatal unterschätzten. Musial erklärt das mit einer Mischung aus Arroganz und Unwissenheit. Umgekehrt erlaubten erst die Getreide- und Öllieferungen aus der Sowjetunion dem ungleichen Partner nach der Verhängung der britisch-französischen Blockade im September 1939 die Fortsetzung des Krieges.
Trotz der drohenden Niederlage im Sommer 1941 gelang es der sowjetischen Führung, die Wehrmacht aufzuhalten und bald schon zurückzuschlagen. Grundlage war, auch dank Waffenlieferungen der westlichen Alliierten, eine auf Hochtouren laufende Rüstungsindustrie, die aus den in den Osten des Riesenreichs evakuierten Betrieben immer neuen Nachschub lieferte.
Beinahe wütend stellt Musial jenen seiner Meinung nach nicht nur in der postsowjetischen, sondern auch in der westlichen Literatur anzutreffenden Mythos infrage, die Soldaten der Roten Armee hätten sich mehr oder minder freiwillig und patriotisch fürs Vaterland aufgeopfert. Um dem anfänglichen Chaos und dem Zerfall der Front zu begegnen, ließ Stalin innerhalb der Roten Armee und des NKWD Sonder- und Sperrabteilungen aufstellen, die Jagd auf Deserteure machen sollten. Erbarmungslos trieben diese jeden zur Front, auch wenn die militärische Lage noch so aussichtslos war, richteten Strafbataillone ein, ordneten massenhaft Erschießungen an. Musial lässt keinen Zweifel daran, dass es allein das eingeübte Prinzip von Terror und Abschreckung war, das die Rote Armee zusammenhielt und letztlich siegreich gegen die Wehrmacht bestehen ließ.
Die Macht der Bolschewiki wurde mit dieser ungeahnten Mobilisierung von Menschen und Material gerettet. Mit dem teuer erkauften Sieg über Nazideutschland habe Stalin jenes Ziel erreicht, das er von Beginn seiner Gewaltherrschaft an ins Auge fasste: die Ausbreitung seines kommunistischen Imperiums bis nach Mitteleuropa.
So weit es die militärische Situation erlaubte, erging sich Stalin schon früh in Planspielen zur künftigen Behandlung Deutschlands, das "ökonomisch entwaffnet" werden sollte. Scharfe Kritik übt Musial am Verhalten der westlichen Alliierten, die weder fähig noch willens gewesen seien, Stalin Einhalt zu gebieten. Während die USA mit dem Marshallplan auf einen Wiederaufbau Europas setzten, presste Stalin die eroberten Gebiete aus. Die Demontagen begannen noch während der Kämpfe im Rücken der Front. Insgesamt gingen laut offiziellen sowjetischen Angaben mehr als 800 000 Eisenbahnwaggons an Gütern aus den besetzten Gebieten in die Sowjetunion. Größtenteils auf direkten Befehl Stalins, der Tausende entsprechende Beschlüsse unterzeichnete.
Gigantischer Raubzug oder angemessene Entschädigung für die von den Deutschen begangenen Verwüstungen? Musial bezieht in dieser nach wie vor kontrovers diskutierten Frage klar Position. Nicht nur hätte das Ausmaß der sowjetischen Demontagen die von der Wehrmacht verursachten Schäden an der Ostfront bei weitem übertroffen. Der "Beutezug" Stalins erfasste neben anderen Feindstaaten wie Finnland, Rumänien, Ungarn und Österreich insbesondere auch das Stück für Stück freigekämpfte Polen. Allein die hier präsentierten Zahlen stützen die vom Autor mit Nachdruck vertretene These einer gezielten politischen und ökonomischen Ausschaltung und Willfährigmachung des polnischen Staates durch Stalin.
Spannend lesen sich in dem an Statistiken und Demontage-Listen reichen Band vor allem jene Kapitel, die einen Blick auf das bislang wenig erforschte Geschehen auf der sowjetischen Seite der Front bieten. Allerdings hätte dem etwas redundanten und zuweilen unscharf formulierten Buch ein gründlicheres Lektorat gutgetan. Auch mag die Verve des aus Polen stammenden Historikers, mit der er seine inbrünstige Ablehnung des Kommunismus zu erkennen gibt, für ein Sachbuch eher ungewohnt sein. Musials Fazit überzeugt dennoch: Ohne den gigantischen Transfer an Anlagen, Material und der millionenfachen Verschleppung von Menschen hätte es den Aufstieg der Sowjetunion zur Supermacht nach 1945 nicht geben können.
